Rezension aus der mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik & Bewegung, Ausgabe 50/2007

Ausgangslage

Das Wandern erlebt zur Zeit einen „Boom“. Die Hersteller von Outdoor-Textilien haben Extrem- und auch Wochenend-Wanderer als kaufkräftige Zielgruppe entdeckt. In Deutschland wird das Wandern nicht mehr nur als langweilige Freizeitaktivität der eher konservativen Kreise wahrgenommen, sondern gewinnt Anhänger in Milieus, die bislang kaum als „wanderaffin“ eingestuft wurden. Insofern hat sich auch das Spektrum der Wanderliteratur verbreitert. Zum Beispiel war Wolfgang Büscher mit historischem Interesse von Berlin nach Moskau unterwegs, Hape Kerkeling als Pilger auf dem Jakobsweg und Manuel Andrack hat Deutschlands Mittelgebirge erkundet. Das von dem Journalisten Ulrich Grober verfasste Buch „Vom Wandern - neue Wege zu einer alten Kunst“ ist im Vergleich dazu anders: Es stattet die Praxis des Wanderns mit einem zeitgemässen Fundament aus, in dem viele Bausteine in der langen Kulturgeschichte der „Fussreise“ verankert sind.

Inhalt

Das Buch ist - auch - ein „Wanderbuch“. Es ist aber mehr: Jeweils zu 12 ausführlich beschriebenen Wanderungen in Deutschland wird in einem Unterkapitel ein Thema ausgeführt, dass über die Wanderung weit hinausgreift und sie in einen größeren, oft literarischen Kontext stellt. Seine Wanderungen führte Ulrich Grober in jeweils einen besonderen Landschaftstyp: zum Beispiel entlang des Ostseestrands, entlang des Mittelrheins, ins tschechisch-österreichische Grenzgebiet und in den Schwarzwald. Eine Mittelgebirgswanderung legte er mit Schneeschuhen zurück, eine Flusswanderung zusammen mit Kindern.

Das „Wandern, das humane Tempo“ erfüllt nach Grober ein Bedürfnis nach Entschleunigung. Die direkte Wahrnehmung von Nahräumen ist für ihn eine Voraussetzung für die richtige Wahrnehmung globaler Räume. Ohne das eigene Erleben begehbarer Räume sei man medial vermittelten Bildern ausgeliefert. Wanderungen regten an, eigene Sehnsuchtsziele und Traumpfade zu entwickeln. Die einmal geweckte Lust mit eigener Kraft - autonom - loszugehen, ermöglicht nach Grober, gestärkt wiederzukommen - mit mehr Gelassenheit und Weitblick. Die Kunst des Wanderns als eine Spielart der vom Philosophen Wilhelm Schmid entwickelten „Lebenskunst“ liegt für Grober auch darin, die jeweils „richtige“ Landschaft zu wählen, deren Eigenart und Stimmung auf die eigenen Sehnsüchte und Befindlichkeiten antwortet.

Bei einer Wanderung mit Kindern hat sich ein weitgehend natürliches Flusstal (das der Großen Lauter) als geeignet erwiesen, weil es Kindern stets neue Eindrücke bietet und nie lang-weilig wird. Die beschriebene Wanderung von Koblenz nach Rüdesheim lässt nachvollziehen, wie es durch die Schriften von Clemens Brentano, Achim und Bettina von Arnim zur Geburt der Rheinromantik am Anfang des 19. Jahrhunderts kommen konnte - in einer Zeit, in der „Fußreisen“ noch etwas Subversives an sich hatten, weil sie die Jugend der höheren Klassen in direkten Kontakt zur freien Natur und zum „einfachen“ Volk brachten. Grober erinnert auch an Schriftsteller und Künstler wie Hermann Hesse und Käthe Kollwitz, zu deren Lebensstil es 100 Jahre später gehörte, extreme Rucksackwanderungen (z.B. über die Alpen) zu unternehmen.

Im Neandertal bzw. Düsseltal - unterwegs in Richtung Düsseldorf - stellt Grober Bezüge zum damaligen Lebensraum des Neandertalers her, geht auf den Kalkabbau, die früheren Kalköfen und die Geschichte der Firma Mannesmann ein und setzt sich mit der Kunst von Beuys auseinander, dessen Kunstwerk „Palazzo Regale“ in der Kunstsammlung NRW den Abschluss seiner Wanderung bildet. Auf der Hohen Rhön genießt Grober das „panoramische Gefühl“ der Weite, verpflegt sich im Biosphärenreservat mit regionalen Produkten und erkundet die intakten Lebensräume für Tiere entlang der ehemaligen Zonengrenze. Der Laubwald ist das Thema einer Wanderung im nordhessischen Kellerwald, den die Gebrüder Grimm vor Augen hatten als sie ihre Märchen aufschrieben. Das Luft holen im Mittelgebirge ist Thema eines anderen Kapitels.

Bewertung

Das Buch besticht durch seine ausgezeichnete Sprache, eine Fülle von originellen Betrach-tungen und viele auf das Wandern bezogene Zitate literarisch berühmt gewordener Wanderer. Die Berichte und Betrachtungen zu den einzelnen Wanderungen sind für sich genommen schon kenntnisreich und machen Lust, einmal ähnliche Gebiete zu erwandern und dabei den von Grober gepflegten Stil des bewussten Wanderns als „Landschaftsflaneur“ einzuüben. Durch Bezüge auf ökologische, philosophische, künstlerische und literarische Themen gewinnen diese Beschreibungen eine Tiefe, die andere Wanderbücher selten aufweisen. In den stärker essayistischen Ausführungen der Themenkapitel wird der Horizont noch einmal erweitert. Diese Textteile können als Ergänzung der Wanderungen oder als eigenständige Kapitel gelesen werden. Das Buch enthält insgesamt eine Vielzahl von Argumenten für das Wandern als humane Praxis und als Lebenskunst. Es ist damit gewissermassen ein literarischer Mobilitätsberater.

 

Titel:

Vom Wandern – neue Wege zu einer alten Kunst. Frankfurt a.M. 2006, 344 S.

Verfasser:

Ulrich Grober

Bezug:

Verlag Zweitausendeins, Preis: 19.90 Euro

 

Impressum:

Erstveröffentlichung in der mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik & Bewegung, Januar 2007. Der Kritische Literaturdienst Fußverkehr Krit.Lit.Fuss erscheint seit 1992 als Beilage des InformationsDienstes Verkehr IDV und nach der Namensumbenennung ab dem Jahr 2002 vierteljährlich in der mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik & Bewegung.

Autor dieser Ausgabe: Helmut Schad.

Herausgeber: FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland, Exerzierstraße 20, 13357 Berlin, Tel. 030/492 74 73, Fax 030/492 79 72, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.fuss-eV.de

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