„Das Alter ist nicht mehr gut oder schlecht,
es wird einfach ignoriert.
Für alte Menschen ist kein Platz mehr.“ (1)
Im Jahre 1900 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 35, heute liegt sie etwa bei 80 Lebensjahren. In den nächsten 30 Jahren wird der Anteil der über 60jährigen in Deutschland auf weit über ein Drittel der Gesamtbevölkerung ansteigen, der Anteil der hochbetagten über 85jährigen wird sich gegenüber heute etwa verdoppeln. In bereits zehn Jahren wird aus den Geburtsjahrgängen des ”Babybooms” der 50er und 60er Jahre ein ”Senioren-boom” und Deutschland wird einen der höchsten Altenanteile der Welt aufweisen.
Die alle Gesellschaftsbereiche prägende Anzahl von ”Alten” wird sich kaum ignorieren lassen. Wir aber sollten schon jetzt über die Altersstruktur und deren Folgen nachdenken. In Japan spricht man zum Beispiel nicht entmutigend von einer ”Überalterung”, sondern von einer ”neuartigen Gesellschaft des langen Lebens”, die als Herausforderung begriffen wird.
Der im folgenden betrachtete Aspekt der Mobilität wurde im ”Internationalen Jahr der Senioren 1999” weitgehend vernachlässigt. Kaum jemand wird aber bestreiten wollen, wie wichtig für Senioren ihre Beweglichkeit ist und die beiden Hauptwünsche von alternden Menschen dürften wohl lauten: möglichst lange ”klar im Kopf” bleiben und möglichst lange ”gut zu Fuß” sein. Dabei ist die Angst vor einem Verkehrsunfall mit zunehmendem Alter für viele ein Faktor, der den Lebensalltag mitbestimmt, der die Mobilität stark einschränken kann.
Ist diese Angst berechtigt?
Auf die Gefahren des Straßenverkehrs, auf Barrieren und Beschwernisse reagieren ältere Menschen in der Regel mit dem Rückzug. Deshalb müssen Betrachtungen über das Unfallrisiko gerade bei den Senioren auf die Zeitdauer der Verkehrsteilnahme bezogen werden: Während das Risiko im Alter um 65 Jahre bei ca. 4 Verunglückten pro 1 Million Stunden Verkehrsbeteiligungsdauer liegt, steigt dieses für Männer im Alter von über 75 Jahren auf über 9, für Frauen gar auf über 15 an.
Etwa 35.000 Menschen im Alter ab 65 Jahren verunglücken jährlich im Straßenverkehr, d.h. jeden Tag annähernd 100 Menschen. In zunehmendem Maße verunglücken sie als AutofahrerInnen, 1997 bereits über 50 %. Die durch die Polizei vorgenommenen Schuldzuweisungen nehmen mit dem Alter der Pkw-Fahrer beträchtlich zu. Bei Senioren ab 65 Jahren wurde den Fahrern in ca. 65 % der Fälle, ab 75 Jahren sogar bei ca. 75 % der Unfälle mit Personenschaden die Hauptschuld am Unfall zugewiesen. Der entsprechende Anteil liegt bei den älteren Fußgängern derzeit bei 23 %, d.h. sie tragen meistens nicht Schuld an einem Unfall.
In den letzten Jahren wurden ca. 7 000 ältere Menschen jährlich bei Verkehrsunfällen als Fußgänger verletzt. Bei den Todesfällen der Senioren im Straßenverkehr waren 39 % Pkw-Insassen und über 35 % Fußgänger, in Deutschland pro Jahr annähernd 500 Menschen.(2) Die älteren Fußgänger verunglücken zu fast 95 Prozent im innerörtlichen Straßenverkehr, vorwiegend beim Überqueren von Hauptverkehrsstraßen.(3)
Als Fußgänger gehören ältere Menschen ab 65 Jahren zu den am stärksten unfallgefährdeten Verkehrsteilnehmern und selbstverständlich sind sie damit als Teilnehmer am Straßenverkehr besonders schutzbedürftig.
So wird in §3 (2a) der Straßenverkehrsordnung von Fahrzeugführern verlangt, sich ”gegenüber Kindern, Hilfsbedürftigen und älteren Menschen” so zu verhalten, dass ”eine Gefährdung ausgeschlossen ist”.
Etwa nach 70 Lebensjahren spitzen sich die altersbedingten Probleme zu, wie zum Beispiel das Nachlassen des Sehvermögens, Schwierigkeiten mit wechselnden Lichtverhältnissen, das Nachlassen der Merk- und Erinnerungsfähigkeit, Probleme mit Mehrfachbeanspruchungen, sowie die Abnahme der Reaktionsfähigkeit. Insbesondere beim Autofahren ist es wichtig, Bewegungsvorgänge in Randzonen des Gesichtsfeldes zu erkennen und bei auftretenden komplexen Situationen schnell zu entscheiden. (4)
Die Anzahl der Menschen, die mit altersbedingten Leistungsminderungen am Straßenverkehr teilnehmen, wird in den folgenden Jahren in Deutschland mit einer Steigerung um mehr als 60 % bis zum Jahr 2040 ganz drastisch zunehmen. (5) Damit könnte eine deutliche Zunahme der an Unfällen beteiligten AutofahrerInnen einhergehen. Der Faktor ”Angst” wird noch mehr an Bedeutung gewinnen.
Obwohl die Angst einer der schlechtesten Wegbegleiter ist, lässt sie sich nicht an den Fakten vorbei ”wegtrainieren”, auch nicht durch noch so klug ausgedachte und seniorengerechte Verkehrssicherheits-Programme. (6) Empfindet unsere Gesellschaft wirklich Verantwortung für die oft menschenunwürdigen Zustände, muss sie sich um die Beseitigung von Ursachen bemühen.
Obwohl es auf diesem Gebiet einen unverändert großen Forschungsbedarf gibt, sind die angstverursachenden Faktoren schon bekannt: Unbenutzbarkeit von Wegen, Umwegempfindlichkeit und zu große Geschwindigkeitsdifferenzen:
Hier sind z.B. starke Schräglagen und Unebenheiten im Gehwegbereich zu nennen und ganz besonders hervorstehende Kanten aller Art, sowie unerwartete Möblierungen.
Deshalb muss auf Reinigungsfirmen und die Verantwortlichen, die die Verkehrssicherungspflicht für Fußgänger nicht ernst nehmen, frühzeitig Druck ausgeübt werden, nicht erst nach einem Unfall. Notfalls sind hier Gesetze zu verändern oder Strafen zu erhöhen.
Hier kann nur eine verschärfte Ahndung mit sofortigen Strafverfügungen und längerfristige Registrierung der Baufirmen weiterhelfen. Wie beim Punktesystem in Flensburg muß eine Firma, die immer wieder Menschenleben gefährdet, mit dem Entzug ihrer Konzession rechnen.
Sicher läßt sich hier an alle anderen Verkehrsteilnehmer appellieren, beim Straßenqueren zu helfen oder es zu ermöglichen. Wesentlich ist es allerdings, den Straßenverkehr generell zu entschärfen:
Um Veränderungen zu erreichen, gibt es zwei Vorgehensweisen, die beide parallel durchzuführen sind: Zum einen müssen da, wo Zeiten festgelegt werden, verstärkt die älteren Menschen zum Maßstab werden. Das heißt konkret: mindestens 7 Sekunden Grün für Fußgänger und ”Fußgänger-Räumgeschwindigkeiten” von 0,5 bis maximal 1,0 Meter pro Sekunde. Zum anderen aber muss der motorisierte Verkehr in den Städten langsamer fahren. Das bedeutet konkret die Umsetzung der in der Koalitions-vereinbarung festgelegten Verminderung der Kraftfahrzeug-Geschwindigkeiten im Stadtverkehr.
Hier sind Anpassungen an die speziellen Bedürfnisse der älteren Menschen besonders dringlich, da sie zu den Hauptnutzergruppen gehören. (10)
Da die Bundesrepublik Deutschland im internationalen Vergleich keine besonders hohen Sicherheitsstandards für ältere Verkehrsteilnehmer hat (11), wäre das Internationale Jahr der Senioren 1999 der richtige Anlass für Initiativen gewesen, die Verkehrssicherheit von Senioren zu verbessern. Diese Chance wurde nicht genutzt. Trainingsprogramme, die noch immer durch Steuermittel finanziert hauptsächlich von Auto-Clubs erstellt und durchgeführt werden, dürften an den Zuständen vor Ort wenig ändern. Dazu müssen sich schon die Betroffenen selbst verkehrspolitisch betätigen.
Dieser Artikel von Bernd Herzog-Schlagk ist ein Auszug aus der Veröffentlichung: SENIOREN zu FUSS - Aufsätze, Dokumente und Zwischenrufe, FUSS e.V. (Hrsg.), 2000
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